Kanarische Küche
Fuerteventura ist nicht als Kulinarik-Destination bekannt. Das ist ein Fehler. Die Insel hat eine eigene, bodenständige Küche die sich über Jahrhunderte aus dem entwickelt hat was da war: Ziegen, Getreide, Meer, Wind. Wer nur in Hotelrestaurants isst, kennt davon nichts. Wer die richtigen Orte kennt, isst besser als in manchem deutschen Sternerestaurant — und zahlt ein Drittel.
Was folgt ist kein Restaurantführer. Es ist eine Einführung in die kanarische Küche – in das was auf Fuerteventura wirklich gegessen wird — von den Einheimischen, täglich, seit Generationen. Und eine Anleitung wie man es findet, ohne Glück zu brauchen.
Queso Majorero — der beste Käse Spaniens den kaum jemand kennt
Wenn man auf Fuerteventura einen einzigen Lebensmittel-Tipp mitnehmen darf, dann diesen: Queso Majorero kaufen. Probieren. Mit nach Hause nehmen.
Der Majorero ist ein geschützter Ursprungskäse (D.O.P.) aus der Milch der kanarischen Majorera-Ziege — einer Rasse die seit über tausend Jahren auf der Insel lebt und deren Milch so fettreich und aromatisch ist, dass der fertige Käse auf Milch- und Sahneebene Weine der iberischen Halbinsel und Frankreichs schlägt. 2015 wurde er als bester Käse Spaniens ausgezeichnet. International ist er praktisch unbekannt — was nicht daran liegt, dass er nicht gut genug wäre, sondern daran dass die Produktion klein ist und kaum exportiert wird.
Den besten Queso Majorero kauft man direkt an der Quelle — und die Quelle ist nicht dort wo man sie erwartet. Am Mirador de Morro Velosa, auf 669 Metern Höhe mit dem besten Panoramablick der Insel, verkauft die Granja la Villa aus Betancuria ihren Käse direkt vor Ort: frischer und halbgereifter Majorero, handwerklich hergestellt auf dem eigenen Hof — seit über 13 Jahren. Wer beim Blick über die Vulkanlandschaft ein Stück Käse isst und danach eine Portion mit nach Hause nimmt — das ist der Insider-Tipp den kaum ein Reiseführer kennt.
Drei Reifegrade: frisch (blanco), halbgereift (semicurado) und gereift (curado). Der frische Käse ist mild, cremig, fast wie Mozzarella. Der halbgereifte hat Charakter — Ziegenmilch, Salz, ein leichtes Säurespiel. Der gereifte schliesslich: feste, leicht krümelige Textur, nussig, salzig, leicht scharf. Mit einem Glas lokalem Wein oder einfach pur — unvergesslich.
Eine Besonderheit des Majorero ist seine Rinde. Traditionell wird sie mit Gofio (geröstetem Getreide), Paprika oder Olivenöl eingerieben — je nach Reifeart und Region. Das gibt jedem Stück einen eigenen Charakter, auch innerhalb desselben Reifegrades.
Wer mehr über die Herstellung wissen will: das Museo del Queso Majorero in Antigua erklärt die Geschichte der Majorera-Ziegenrasse und der Käseproduktion mit moderner Ausstellungsgestaltung — Eintritt kostenlos, Verkostung inklusive. Aber der Kauf: am Mirador, direkt vom Produzenten.
Granja la Villa
Queso Majorero
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Papas Arrugadas con Mojo — das Nationalgericht
Runzelkartoffeln mit Mojo-Sauce. Klingt unspektakulär. Ist es nicht.
Die kleinen kanarischen Kartoffeln — eine eigene, alte Sorte, kleiner und aromatischer als handelsübliche Sorten — werden in stark gesalzenem Wasser gekocht bis das Wasser vollständig verdampft ist. Die Schale zieht sich zusammen, wird runzelig, setzt sich mit feinen weissen Salz-kristallen ab. Die Kartoffel innen cremig und süss, aussen salzig und leicht knusprig. Kaum vergleichbar mit dem was man aus dem Supermarkt kennt.
Die Mojo-Sauce macht den Unterschied — und hier trennt sich das kanarische Original vom touristischen Einheitsbrei. Mojo rojo ist rot, kräftig, mit getrockneten Chilis (Pimienta de La Palma oder normale Trockenpepper), Knoblauch, Kreuzkümmel, Pimentón und einem Schuss Essig. Sie hat Tiefe, nicht nur Schärfe. Mojo verde ist grün, frisch, mit Koriander oder Petersilie, Knoblauch, Olivenöl und etwas Zitrone. Jede Familie, jede Küche hat ihr eigenes Rezept. Die beste Mojo ist die hausgemachte — im Glas gekaufte ist oft zu sauer, zu dünn, zu industriell. Man erkennt gute Mojo am Auge: sie soll eine gewisse Konsistenz haben, nicht wässrig sein, und intensiv riechen.
Wo man sie am besten isst: überall wo Einheimische sitzen. Tasca El Camarote in Puerto del Rosario macht hausgemachte Mojo zu lokalen Preisen. Casa Isaitas in Pájara — die Mojo kommt in kleinen Schüsseln auf den Tisch ohne dass man bestellen muss. La Cofradía in Gran Tarajal — frischer Fisch mit Papas und Mojo, direkt am Hafen. Der Preis für eine Portion liegt zwischen 3 und 5 Euro. Bestell sie immer.
Vieja — der Papageienfisch
Die Vieja (Sparisoma cretense) ist der Fisch der Kanaren. Leuchtend blau-orange geschuppt, tropisch wirkend, heimisch im Atlantik. Er lebt in den Felsenriffen der Küste, ernährt sich von Algen und Korallen und hat dadurch ein Fleisch das leicht süsslich, fest und ungewöhnlich aromatisch ist.
Gegrillt, mit Papas Arrugadas und Mojo — das ist kanarisches Fischessen in seiner reinsten Form. Kein Schaum, keine Reduktion, keine Garnitur aus Microgreens. Nur Fisch, Kartoffeln, Sauce. Die Haut wird knusprig gegrillt und isst man mit. Die Gräten sind grob und leicht zu entfernen. Das Fleisch löst sich vom Knochen.
Vieja bekommt man nicht überall — sie ist saisonal und steht nur auf der Tageskarte wenn sie frisch angelandet wurde. In Las Playitas, wo die Fischer noch morgens ausfahren, hat man die besten Chancen. La Rampa und Restaurante El Poril direkt am kleinen Hafen. Wenn sie auf der Karte steht: bestellen, ohne zu zögern. Wer den Faro de la Entallada besucht und danach in Las Playitas zu Abend isst — das ist ein perfekter Tag.
Carne de Cabra — Ziege aus dem Ofen
Fuerteventura ist Ziegeninsel. Überall auf der Insel sieht man Herden auf den kargen Ebenen — Majorera-Ziegen, die aus dem was die Insel hergibt, feinstes Fleisch produzieren. Das Fleisch ist mager, aromatisch und hat einen eigenen Geschmack der sich von Lamm oder Rind klar unterscheidet.
Langsam geschmorte Ziege (Carne de Cabra en Salsa) ist das Alltagsgericht: das Fleisch wird mit Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten, Lorbeer und Wein Stunden lang geschmort bis es zerfällt. Cabrito al Horno — junges Zicklein aus dem Holzofen — ist die festliche Version: knusprige Haut, zartes Fleisch, ein Gericht für besondere Anlässe und Patronatsfeste.
Die besten Adressen: Casa Isaitas in Pájara — hier sucht man sein Stück direkt in der Küche aus, zeigt auf was man will und bekommt es frisch zubereitet. Restaurante La Finca Agrícola in Vega de Río Palmas — direkt am Wanderstart für den Arco de las Peñitas, rustikal und unfassbar gut. Carne de Cabra con Papas für unter 12 Euro. Bar García in Llanos de la Concepción auf dem Weg nach Aguas Verdes — unscheinbar von aussen, familiär innen, legendäre Carne de Cabra mit inselweitem Ruf. Nur Di/Mi geschlossen.
Ropa Vieja — alte Kleider neu aufgetischt
Ropa Vieja bedeutet alte Kleider — und der Name beschreibt das Gericht genau. Es ist ein Resteessen: übrig gebliebenes Fleisch (meist Rindfleisch oder Huhn) wird in Stücke gezupft, mit Kichererbsen, Tomaten, Paprika und Gewürzen neu angebraten. Das Ergebnis ist ein herzhafter Eintopf der nach Stunden der Arbeit schmeckt, auch wenn er in zwanzig Minuten gemacht ist.
Ropa Vieja steht in fast jeder traditionellen kanarischen Bar auf der Tageskarte — oft zusammen mit Puchero Canario (kanarischer Gemüseeintopf mit Kichererbsen, Kolrabi, Mais und Fleischeinlage). Wer auf Fuerteventura in einer echten Tapas-Bar sitzt und sich nicht entscheiden kann: Ropa Vieja bestellen. Man macht damit selten einen Fehler.
Gofio — das vergessene Superfood
Gofio ist geröstetes, gemahlenes Getreide — meist Weizen oder Mais, manchmal beides gemischt, manchmal mit Kichererbsen oder Gerste ergänzt. Es war Jahrhunderte lang das Grundnahrungsmittel der Kanaren, als es noch kein Brot und keine Supermärkte gab. Die Majos, die Ureinwohner Fuerteventuras, machten es zu Kugeln (Gofio escaldado), mischten es mit Wasser oder Milch, assen es als Brei.
Heute ist Gofio wieder modern: als Energie-Zusatz im Smoothie, als Verdicker für Suppen, als Beilage zum Frühstück mit Milch und Honig. In guten kanarischen Restaurants kommt es als Gofio escaldado — mit Fischbrühe aufgegossen und zu einem Brei gerührt, garniert mit Zwiebeln und Koriander. Es ist ein Geschmack den man nicht sofort einordnen kann: leicht rauchig vom Rösten, süsslich vom Getreide, nussig und dicht.
Im Centro de Interpretación de los Molinos in Tiscamanita — ca. 5 km südlich von Antigua, gut kombinierbar mit der Betancuria-Tour — sieht man wie Gofio traditionell in Windmühlen gemahlen wurde und kann es frisch probieren. Wer es kauft: dunkel geröstetes Gofio hat das intensivste Aroma. Ein Päckchen kostet zwischen 2 und 4 Euro und hält sich Monate. Zuhause in den Morgensmoothie — ein Löffel reicht.
Bienmesabe — kanarische Mandelkrem
Für alle die Süsses mögen: Bienmesabe ist eine der ältesten kanarischen Nachspeisen. Der Name bedeutet „schmeckt mir gut“ — was keine Übertreibung ist. Geröstete Mandeln werden mit Honig, Zitronenschale, Zimt und Eigelb zu einem dicken, goldenen Krem verarbeitet. Er wird kalt serviert, oft mit einem Löffel oder als Belag auf Eis.
Bienmesabe findet man in fast jeder Cafetería im Inselinneren. In Betancuria, bei Casa Santa María, wird er hausgemacht und zu Mandelkuchen verarbeitet. Wer die Betancuria-Tour macht: den Kuchen zum Kaffee bestellen und danach den Queso Majorero kaufen. Das ist der richtige Abschluss eines Tages im Inselinneren.
Leche y Leche — der kanarische Kaffee
Wer auf Fuerteventura Kaffee bestellt, bekommt Espresso. Wer einen Cortado bestellt, bekommt Espresso mit etwas Milch. Wer Leche y Leche bestellt — Milch und Milch — bekommt das kanarische Original: Espresso, normale aufgeschäumte Milch, und gezuckerte Kondensmilch. Alles zusammen in einem Glas, das Kondensmilch sinkt auf den Boden, die Milch in der Mitte, der Espresso oben. Vor dem Trinken umrühren — oder schichtweise trinken wenn man experimentierfreudig ist.
Das klingt süss. Es ist süss. Es ist auch das beste was man an einem kanarischen Morgen trinken kann — vor allem wenn danach ein langer Wandertag wartet oder man gerade aus dem Wasser der Playa Blanca gestiegen ist.
Bestellt am besten in einer echten Cafetería. Cafetería Son Son in Puerto del Rosario (Calle León y Castillo 23, Mo–Fr 07:00–24:00 Uhr) macht nicht nur die besten Bocadillos der Hauptstadt, sondern auch den besten Leche y Leche. Dazu ein Bocadillo de Pollo Especial: Hähnchen, Salat, Tomate, Käse, Spiegelei im getoasteten Baguette. Unter 10 Euro. Das ist kanarisches Frühstück.
Die Betancuria-Tour als kulinarische Route
Wer eine Tour ins Inselinnere plant, kann an einem Tag fast alles probieren was oben steht. Die Route ab Costa Calma führt durch Tuineje, Tiscamanita (Gofio-Museum, frisch probieren), Antigua (Queso Majorero, Museum und Kauf), Pájara (Mittagessen bei Casa Isaitas — Carne de Cabra, Papas, Mojo), Vega de Río Palmas (kurze Wanderung zum Arco de las Peñitas, danach Kaffee bei La Finca Agrícola), Betancuria (Bienmesabe-Kuchen bei Casa Santa María, Queso Fresco in den Läden rund um den Kirchplatz).
Auf dem Rückweg wer es schafft: Bar García in Llanos de la Concepción — die Carne de Cabra ist es wert auch wenn man schon satt ist.
Ein Tag, sechs Gerichte, drei Jahrhunderte kanarische Küche. Und wer auf dem Rückweg durch Costa Calma fährt — ein kurzer Stopp im CC El Palmeral. 1STone Art & Design (Local 8) macht seit 1997 handgefertigten Schmuck aus Lava und Edelsteinen. Das ideale Mitbringsel für alle die keinen Queso Majorero im Gepäck haben wollen — oder zusätzlich zu ihm.